FAZ-Leserbrief vom 2.08.2009

von Dr. med. Christan Deindl (MBA)
Betrifft: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 2.8.2009, NR.31, Titelseite: Ulla Schmidt greift Ärzte an. Gesundheitsministerin will Bevorzugung von Privatpatienten beenden. Proteste „unangemessen“.

Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion,

da der genannte Beitrag in der heutigen Sonntags–FAZ seinen Weg auf die Titelseite gefunden hat, gehe ich davon aus, dass die Thematik bei Ihnen einen hohen Stellenwert einnimmt.

Da gleichzeitig falsche und pauschalierte Aussagen trotz stereotyper Wiederholungen nichts an Wahrheitsgehalt hinzugewinnen, möchte ich als angesprochener und betroffener Facharzt (für Kinderchirurgie und Chirurgie) zeitnah ein „Audiatur et altera pars“ erwidern – in der Hoffnung, dass einem gewöhnlichen Leserbrief eines engagierten Kassenarztes ein kleiner Teil der Aufmerksamkeit für eine affärengeplagte Ministerin eingeräumt wird.

Nicht zum ersten und angesichts des bevorstehenden Wahlkampfes nicht zum letzten Mal behauptet U. Schmidt, Kassenpatienten würden schlechter als Privatpatienten behandelt werden, Kassenärzte hätten ein erheblich verbessertes Honorar, Privatpatienten würden bevorzugt werden, es herrsche ein Zweiklassen–Service und viele gesetzlich Krankenversicherte würden vor allem bei Fachärzten bei Terminen lange hingehalten werden.

An diese seit Schmidt´s Amtsantritt regelmäßig wiederkehrende, regelrecht stereotype Diffamierung einer politisch nicht immer bequemen, hochqualifizierten, noch dazu freiberuflichen und in der Gesellschaft angesehenen Berufsgruppe wird die ministerielle Erwartung geknüpft „es habe in alle Wartezimmer wieder eine gute Versorgung und erstklassiger Service einzuziehen und gute Qualität und guter Service für die GKV–Versicherten müsse im Vordergrund stehen“.

Kritik an der Honorarreform wird von U. Schmidt energisch zurückgewiesen und Ärzteproteste als völlig unangemessen abgekanzelt. Leider bleibt die Ministerin wie in aktuellen Fragen ihres Dienstwagens eine fundierte Begründung schuldig und hatte eine solche wahrscheinlich auch nie ernsthaft beabsichtigt. Die vermeintlichen Daten über unzufriedene Kassenpatienten stammen aus dem Hause K. Lauterbach, einem Günstling im Hause Schmidt, dem Erfinder der nicht existierenden sogenannten 2. Facharztschiene, dem Bundestags-Lobbyisten einer milliardenschweren privaten Klinikkette und infolgedessen erklärtem Gegner selbstständig niedergelassener Fachärzte.

Das angebliche bundesweite Honorarplus von 7,8 Prozent im 1.Quartal 2009 basiert lediglich auf Hochrechnungen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, die um ihr eigenes (gesundheits-) politisches Überleben kämpft und mit allen Mitteln als Player im 350-Euro-milliardenschweren Gesundheitsmarkt bestehen möchte und sich schon lange von der aktiven, patientenorientierten und qualitätsbezogenen Kassenmedizin verabschiedet hat.

Bis heute ist der vermeintliche Honorarzuwachs nicht bei denen angekommen, die ihn mit täglicher ehrlicher, ärztlicher Arbeit und einer 60 Stundenwoche auch verdienten. Glaubt man den KBV–Honorarhochrechnungen, dann gibt es vor allem eine gehörige Honorarverschiebung von Süd nach Nord und vor allem von West nach Ost. So gewinnen die Berliner Ärzte um über 30 % hinzu, während in Bayern dieses Plus nur etwas über 3 % beträgt und in Baden Württemberg sogar ein Minus zu verzeichnen ist. Somit werden sowohl Beitragszahler als auch Leistungserbringer in den wirtschaftlich erfolgreicheren Bundesländern für ihre hohen Kassenbeiträge und ihre nachweisbar überdurchschnittlich hohe, aber auch kostenintensivere medizinische Versorgungsqualität abgestraft.

Neben den bereits diskussionswürdigen Transferinstrumenten Länderfinanzausgleich, wahrscheinlich immerwährender Solidaritätsbeitrag und Risikostrukturausgleich (RSA) zwischen den Krankenkassen werden nun über die Gesundheitsreform zusätzlich Geldmittel und somit an deren Herkunftsort benötigte Ressourcen in strukturarme, weil oft auch bildungsferne Regionen abgezogen.

Aus einem Gesundheitsfond wird ein von U. Schmidt aufgelegter „Auf und Davon “–Fond, statt einer nachhaltigen, gerechten, d.h. auch leistungs- und qualitätsbezogenen Gesundheitsver-sorgung werden die bewährten Instrumente Zentralismus, Entmündigung und Enteignung von Zwangsbeiträgen zahlenden Leistungsempfängern sowie ärztlichen Leitungserbringern zugunsten kurzfristiger medienwirksamer sozial- und gesundheitspolitischer Wahlgeschenke.

Während ein entwendeter Dienstwagen wieder auffindbar bzw. mit überschaubaren Mitteln ersetzbar ist, sind die im Gesundheitswesen ebenso fahrlässig herbeigeführten Schäden nur begrenzt ersetzbar. Bereits der von Schmidt zum x-ten Mal zitierte Honoraranstieg von 2007 auf 2008 war bereits eine Umverteilung ohne jeglichen Qualitätshintergrund.

Auch im Gesundheitswesen sind blühende Landschaften nur über Fleiß, Qualität, überdurchschnittliches Engagement, Bereitschaft zu Strukturveränderungen und eine gewisse unternehmerische Risikobereitschaft zu realisieren. Herbeireden kann man sie nicht.

Das gesellschaftspolitische Navigationssystem von U. Schmidt scheint hingegen zielstrebig ein gesundheitspolitisches „Bitterfeld“ anzupeilen. So gesehen macht die ständige Angst vor der Kostenexplosion im Gesundheitswesen ein gepanzertes Fahrzeug geradezu obligatorisch.

Gleichzeitig lässt sich aus dieser gesicherten Position eine in Wahrheit sozialistische „Gerechtigkeit“ als vermeintlich soziale Gerechtigkeit verkaufen und eine Neiddebatte gegen Ärzte und ihre überpriviligierte Klientel an Privatversicherten am Laufen halten. Nur so ist zu verstehen, dass sich die Diskussion über einen „gerechten Arztlohn“ politisch gewollt längst in die Medien und in zahlreichen Talkshows verlagert hat. Und einer hohen Zuschauerquote ist eine objektive Diskussion unter Einbeziehung aller Beteiligten bzw. der eigentlich Betroffenen weniger zuträglich als Polarisieren und Ärzte als die Großverdiener der Nation bloßzustellen.

Umso mehr gilt der Appell an den seriösen Journalismus, sich nicht mit der Einseitigkeit des politischen Establishments zu begnügen und sich wie in der Medizin stets um eine „second opinion “ zu bemühen. Denn über die stetige Verunglimpfung von niedergelassenen Fachärzten wird der Weg frei für staatliche und private Polikliniken – mit langen Wartezeiten dann für alle!

Schon deshalb sind qualifizierte (!) und meist zertifizierte Fachärzte mit ihren Praxen und Versorgungszentren nicht oder nicht leicht(fertig) ersetzbar, eine über Jahre trotz einer regelrechten und im Gesundheitsfond Anfang 2009 implodierten Reformspirale erfolglos gebliebene Politikerin hingegen schon, wie der Rauswurf aus der Steinmeier´schen Wahlkampfformation beweist.

In ihrer regelrechten Allergie gegen Ärzte hat U. Schmidt einfach übersehen, dass niedergelassene (Fach-)Ärzte sich schon längst zum hochspezialisierten Dienstleister im positiven Sinn des Wortes entwickelt haben mit der Erkenntnis, dass Terminvergabe und Wartezeiten in direktem Zusammenhang mit der Patientenzufriedenheit stehen.

Der mit der ärztlichen Leistung zufriedene Patient steht im Mittelpunkt unserer ärztlichen Bemühungen. Ein mit dieser positiven Entwicklung einhergehender Wettbewerbszuwachs im Gesundheitswesen garantiert wiederum, dass sich ärztliche Honorare nicht mit leeren Wartezimmern realisieren lassen und nur ein zufriedener Patient Garant für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens Arztpraxis sein kann.

Mit freundlichen Grüßen

Dr.med.Christian Deindl