NZ-Leserbrief 7.08.2009

von Dr. med. Christan Deindl (MBA)
Betrifft: Leserbrief bezüglich des Beitrages „Arztpraxen werden auf Fehler durchleuchtet. Mal eben den Befund verwechselt.“
Aus der NZ vom 07.08.2009, Seite 4.

Sehr geehrte Damen und Herren der NZ-Redaktion,

nachdem jahrzehntelang medizinische Qualität ein teures, da kostenintensives „Hobby „eines überschaubaren Anteiles der niedergelassenen Ärzte war, ist es aus Sicht der immer schon qualitätsbewussten Ärzteschaft nur zu begrüßen, wenn Begriffe wie Qualitätsmanagement, Qualitätssicherung, Patientensicherheit und somit Patientenzufriedenheit immer mehr Platz in der öffentlichen Diskussion einnehmen. Denn nur so lässt sich das wichtige Qualitätsmerkmal Transparenz mit Einblick in alle relevanten Praxisabläufen verwirklichen.

Gerade in chirurgischen und operativen Fächern gilt es einen sehr hohen Qualitätsstandard einzuhalten, der sich durchaus mit dem in der Luftfahrt vergleichen lässt. Billigflieger unterscheiden sich von ihren etwas teureren Mitkonkurrenten weniger bei der Qualität des ausgeschenkten Kaffees, sondern einzig und allein beim Sicherheitsstandard. Und dieser beginnt bei der Schulung und Qualifizierung des Personals und reicht bis zum sicheren technischen Zustand der eingesetzten Flugzeuge. In der Medizin spricht man seit mehr als 20 Jahren von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität.

So unzutreffend zwischenzeitlich der längst überholte Begriff „Götter in weiß“ sein mag, so wenig entspricht es der Kassenarztrealität, dass es einer kassenärztlichen Bundesvereinigung und deren qualitätsverhindernden Vorstandsetage bedurfte, um endlich medizinische Qualität bei niedergelassenen Ärzten einzufordern. Dies war immer schon ein wichtiges Anliegen qualitätsbewusster Ärzte einschließlich deren Forderung an die KBV, dass das Honorar der nachgewiesenen, qualitätskonformen hochwertigen medizinischen Leistung folgen muss.

Leider favorisiert die KBV immer noch das Modell, ärztliche Leistung habe der jeweiligen Honorarsituation zu folgen. Dieses missverstandene Prinzip der ärztlichen Selbstverwaltung fördert Minderqualität und allenfalls Mittelmaß und beleidigt Patienten, Kostenträger und vor allem diejenigen Kolleginnen und Kollegen, die täglich und zuverlässig zusammen mit ihren ebenfalls hochqualifizierten und -motivierten Mitarbeitern qualitäts- und patientenbezogene Medizin anbieten.

Für diesen Ärztekreis ist es selbstverständlich, seine Behandlungsmaßnahmen und -ergebnisse zu dokumentieren. Dies ist unabdingbarer Bestandteil ärztlicher Behandlungsqualität, die nicht einer besonderen Würdigung bedarf und als selbstverständlich vorausgesetzt werden muss.

Wie halbherzig die KV(en) das Thema Qualität, Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung handhaben, beweist der Umstand, dass in nur 2,5% aller Praxen eine stichpunktartige Qualitätsüberprüfung stattfinden wird. Hier bedarf es keines großen Mutes zur Qualitätslücke, um weiterhin bei suboptimalen Qualitätsstandards das identische Honorar ausbezahlt zu bekommen, wie der qualitätsbewusste ärztliche Leistungsanbieter, der eine entsprechend höhere (Qualitäts-)Kostenstruktur zu finanzieren hat.

Wenn es nicht die Ärzteschaft selbst und noch weniger die zuständige Gesundheitspolitik schafft, bereits etablierte und gut funktionierende Qualitätssysteme in Arztpraxen als unverzichtbare Standards zu etablieren, dann wird so mancher weiterer Artikel über Arztfehler und Qualitätsmängel nicht der Letzte gewesen sein.

Patienten, die Öffentlichkeit und auch die Kostenträger müssen auf die genannten Verantwortlichen stetig und nachhaltig Einfluss nehmen, damit ärztlicher Qualität und nicht Abrechnungsakrobatik zum Durchbruch verholfen und entsprechend angemessen vergütet wird. Erst dann kann man von einer gelungenen, nachhaltigen Gesundheitsreform sprechen.

Als ambulant operierender und seit 5 Jahren zertifizierter Kassenarzt bin ich Ihnen über Ihren kritischen und dabei objektiv gebliebenen Bericht sehr dankbar. Gleiches gilt auch für Ihren bereits zuvor gedruckten Beitrag über die Patientenzufriedenheit hinsichtlich der ärztlichen Qualität.

Für etwaige Rückfragen stehe ich Ihnen selbstverständlich gerne und jederzeit zur Verfügung – dies gilt umso mehr, wenn es sich um Fragen über Qualitätsmanagement und -sicherung in der Medizin handelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Ch. Deindl