SZ-Leserbrief vom 17.07.2009

von Dr. med. Christan Deindl (MBA)
Betrifft: Leserbrief zu Ihrem Artikel „Ärzte wollen nach Leistung bezahlt werden – Prämien für erfolgreiche Behandlungen“ in der SZ-Ausgabe Nr. 159 vom 14.07.2009, 65. Jahrgang, 29. Woche

Sehr geehrte Damen und Herren der SZ-Redaktion,

seit über 25 Jahren als Arzt tätig, fast 14 Jahre davon als niedergelassener Facharzt, möchte ich Ihren o.g. Artikel nicht unkommentiert lassen, zumal er sicher nicht ohne Absicht den Weg auf Ihre Titelseite gefunden hat:Medizin ist seit ihren Anfängen immer schon ein qualitätsorientiertes Fachgebiet. Medizinische Qualität beruht auf ethischer Verpflichtung und nicht auf dem Gutdünken von Ärzte- und Kassenfunktionären und Vertretern der Gesundheitspolitik. Lassen Sie mich einige Kernsätze aus dem Eid des Hippokrates (Kos, ca. 450 vor Christus) zitieren:

  • Die Verordnungen werde ich treffen zum Nutzen der Kranken nach meinem Vermögen und Urteil, mich davon fernhalten, Verordnungen zu treffen zum verderblichen Schaden und Unrecht.
  • In welchem Haus immer ich eintrete, eintreten werde ich zum Nutzen des Kranken, frei von jedem willkürlichen Unrecht und jeder Schädigung.
  • Wenn ich nun diesen Eid erfülle und nicht breche, so möge mir im Leben und in der Kunst Erfolg beschieden sein, dazu Ruhm unter allen Menschen für alle Zeit, wenn ich ihn übertrete und meineidig werde, dessen Gegenteil.

Neben diesen klaren Vorstellungen über ärztliche Qualität nehmen sich die Äußerungen eines KBV-Vorsitzenden A. Köhler (2009 nach Christus) genauso banal und nichtssagend aus, wie alle bisherigen von ihm alleinig und persönlich zu verantwortenden frustranen und misslungenen Honorarreformen.

Vor einem halben Jahrzehnt hätte im Rahmen des Projektes „EBM 2000 plus“ – wenn auch bereits damals von politischer Seite nicht gewollt – noch die Möglichkeit bestanden, einen transparenten und betriebswirtschaftlich realistischen qualitäts- und leistungsbezogenen Abrechnungskatalog für alle niedergelassene Ärzte aus allen Fachbereichen zu erarbeiten, sofern sie denn die nötigen Qualitätskriterien erfüllen.

Stattdessen blieb am Schluss unter Ausschluss der ärztlichen Öffentlichkeit und unter Druck von qualitätsaversen Lobbyisten ein leistungsfeindliches und somit Patienten und qualitätsbewussten Ärzten schadendes Abrechnungs(mach)werk. Man darf dabei nie vergessen, dass diese Entmündigung und zunehmende Deprofessionalisierung eines gesellschaftlich wichtigen und angesehenen Berufes immer nur mit entsprechend gewollter Nähe zur und Unterstützung aus der Politik möglich ist.

In diesem Sinne hat A. Köhler auch die jüngste Reform zum Jahresbeginn 2009 mit dem sogenannten Regelleistungsvolumen für jede einzelne Praxis ganz alleine zu verantworten und muss juristisch und beruflich die Konsequenzen seines Tuns tragen (Handeln und Haften).

Wie alle vorherigen Honorarreformen war auch die Letzte ohne jeglichen Qualitätsbezug und geschah nach dem hinreichend bekannten sozialistischen Rasenmäherprinzip. Dabei wurden die Honorare bayerischer Ärzte mit ihrem bundesweit überdurchschnittlichen Qualitätsstandard überdurchschnittlich gekürzt, um in strukturfernen und bildungsschwachen Regionen Deutschlands die Arzthonorare entsprechend aufzubessern.

Wer es mit der Qualität nicht genau nimmt, nimmt es mit der Wahrheit umso weniger genau.

So ist es schlichtweg eine Lüge zu behaupten, die Ärzte hätten die jetzt bestehenden Abrechnungspauschalen gewünscht und befürwortet. Dies war von Seiten der qualifizierten Ärzteschaft nie der Fall, denn dadurch werden eigentliche Leistungsinhalte verschleiert und es bleibt nur noch ein dubioses „all inclusive“-Abrechnungspaket übrig. Lediglich von Abrechnungsakrobaten war dies in dieser Form gewünscht, da kein Einzelleistungsnachweis mehr zu erbringen ist und für „Nix“ auch ein kärgliches Regelleistungsvolumen immer noch zu viel an Honorar darstellt.

Jahre – um nicht zu sagen jahrzehntelang haben sich KVen heftigst dagegen gewehrt, eine Qualitätsoffensive zu starten und sich für Qualität in der ambulanten medizinischen Versorgung stark zu machen. Dies mag vielleicht daran liegen, dass ein wesentliches Qualitätsmerkmal die Transparenz darstellt.

Und dieser Begriff gilt im KV-Kreisen als Unwort schlecht hin. Nur wenn es gilt, das eigene Funktionärsgehalt möglichst hoch anzusetzen, dann kann auch die vermeintliche Qualität des Funktionärsdaseins nicht hoch genug angesetzt werden. Hier ersetzt Quantität Qualität, Mittelmaß und Unterdurchschnitt ergänzen sich mit Intransparenz und Zentralismus. Die KVen und allen voran die KBV stehen ihren demokratischen Vorbildern Nordkorea und Kuba in nichts nach. Auch aus dem KV-System fliehen zunehmend engagierte, gut ausgebildete Ärzte bzw. meiden es gleich.

Die von manchen KVen publikumswirksam und mediengekonnt präsentierten Qualitätsprojekte wurden ihr seit Jahren von den eigentlichen niedergelassenen Spezialisten geradezu aufgezwungen und werden schon längst in vielen Praxen tagtäglich zuverlässig umgesetzt.

Ein Beispiel dafür ist der Bereich Ambulantes Operieren. Hier existieren bereits seit Jahren etablierte hochwertige externe Qualitätserfassungssysteme, die auch für Außenstehende und somit für Patienten einsehbar sind.

Die KV in ihrer jetzigen überholten und semidemokratischen Struktur ist nicht dafür qualifiziert, über die Qualifikation von Ärzten zu urteilen. Grundlage ärztlichen Könnens und Wissen ist und bleibt die Qualifikation auf Facharztstandard und nicht in dubiosen Schnellkursverfahren, abgestempelt von ahnungslosen KV-Sachbearbeitern.

Nicht umsonst müssen Zusatzbezeichnungen wie z.B. Diabetologie hart erarbeitet werden. Gerade auf meinem Gebiet der Kindermedizin behandeln viel zu viele Ärzte Kinder ohne die dazu nötige Erfahrung und Vorkenntnis. Einzige Legitimation dazu ist, dass die KV es erlaubt und die entsprechende Abrechnung zulässt.

Alleine die KV ist dafür verantwortlich, dass über Jahrzehnte nicht das Honorar der qualifizierten ärztlichen Leistungen gefolgt ist, sondern die Leistung der jeweiligen Honorarsituation unabhängig von der jeweiligen persönlichen Qualifikation. Nur unter Druck der öffentlich geführten Qualitätsdiskussion im Bereich der niedergelassenen Medizin (siehe AOK – Absicht der Ärzteprüfung) greift die KV in Ermangelung einer sonstigen Existenzberechtigung dieses Thema auf und beansprucht in ihrer bekannten Gutsherrenart natürlich die sofortige Meinungsführerschaft.

Wer wie Herr Köhler sein berufliches Ziel in einer hochdotierten bzw. überbezahlten und qualitätsreziproken Funktionärsposition sieht, ist weder persönlich noch fachlich in keinster Weise dazu qualifiziert, über andere Ärzte sich irgendeine Meinungen und ein Urteil zu erlauben.

Längst müsste man für KV-Funktionäre die Zusatzbezeichnung „Fachkraft für Medienpräsenz und Selbstdarstellung“ einführen. Nur so ist es erklärlich, dass der KV entgangen ist, dass es inzwischen zahlreiche zertifizierte Praxen gibt, die diese derzeit diskutierten Qualitätsmerkmale erfüllen und noch viele darüber hinaus.

Patient und Kostenträger können davon ausgehen, dass in diesen Praxen regelmäßige externe und interne Fortbildungen besucht werden bzw. stattfinden und der gesetzlich geforderte Fortbildungsnachweis kein Problem darstellt, dass – dem SZ-Gerücht auf Seite 4 vom 14. Juli 2009 entgegentretend – deutsch- und englischsprachige Fachliteratur studiert wird und schließlich Patientensicherheit und Patientenzufriedenheit das oberste Praxisgebot darstellen. Zertifizierte Praxen werden mindestens einmal jährlich von einem approbierten externen Arzt auditiert und auf Herz und Nieren überprüft. Andere Praxen wissen sehr wohl, dass bei 2,5% Stichproben wenig Mut zur Qualitätslücke erforderlich ist. Zertifizierte Praxen stellen sich dem unverfälschten Wettbewerb im Gesundheitssystem, sie befinden sich in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess und sind somit Garant für den medizinischen Fortschritt in der ambulanten Versorgung der Patienten. Gerade ambulant operierende Praxen und OP-Zentren bewegen sich längst im oberen Drittel der medizinischen Qualitätsliga, KVB, KVen und manche Ärztekammern dagegen begnügen sich mit dem Level des unteren Drittels wenn nicht gar mit Abstiegsplätzen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. med. Ch. Deindl